Kategorie: erlebtes

  • Mein Trauma durch die VMCU – Eine Kindheitserinnerung

    Mein Trauma durch die VMCU – Eine Kindheitserinnerung


    Geschichte einer Person die über das Erlebte spricht
    Autor: Michael
    Er / ihm


    Die erste VMCU

    Im Jahr 1976, mit fünfeinhalb Jahren, lag ich wegen einer schweren Lungenentzündung auf einer Kinderstation. Bei mir wurde zusätzlich nächtliches Einnässen festgestellt, und im Urin fanden sich Bakterien. Ohne dass ich oder meine Eltern davon wussten, wurde beschlossen, mich urologisch zu untersuchen. Wer diese Entscheidung traf, blieb für mich bis heute unklar.

    An diesem Tag wurde ich aus dem Spielzimmer geholt, in einen Rollstuhl gesetzt und mit einem Gurt angeschnallt. Keine Erklärung, kein Trost – nur das Gefühl, dass etwas Unbekanntes und Bedrohliches auf mich zukam. Ich wurde in einen Raum gefahren, in dem eine Liege und eine Wickelkommode, auf die ich gelegt wurde, standen. Zunächst dachte ich, man wolle meine Lunge abhören, doch dann wurden mir ohne Vorwarnung die Hose und die Unterwäsche ausgezogen. Die Untersuchung begann mit einem Einlauf: Ein dicker Gummischlauch wurde tief in meinen Darm eingeführt, und Flüssigkeit wurde eingeleitet. Der Druck und die Schmerzen waren unerträglich. Ich bat darum, zur Toilette zu dürfen, doch niemand reagierte sofort. Als ich schließlich dorthin getragen wurde, blieb ich selbst dort nicht allein. Die Krankenschwester beobachtete mich, während ich mich entleerte – ein demütigendes Gefühl.

    Dann kam die Ärztin und untersuchte meinen Genitalbereich als ich wieder auf der Kommode lag. Ich versuchte, mich mit den Händen zu bedecken, doch sie wurden zur Seite gelegt. Es folgte die Vorbereitung eines Infusionsschlauchs, der am unteren Ende abgeschnitten wurde und scharfkantig wirkte. Nach dem Einsprühen mit einem Spray, vermutlich was es ein Silikonspray, wurde der Schlauch durch meinen Penis in die Harnbalse eingeführt.

    Ohne Betäubung!

    Der Schmerz war unbeschreiblich – wenn ich ihn heute auf einer Skala von 1 bis 10 einordnen müsste, wäre es eine 13. Ein erster Versuch, bei dem der Plastikschlauch bereits ein ganzes Stück eingeführt war, gelang nicht und wurde unmittelbar nach dem kompletten Herausziehen wiederholt. Bei jedem Versuch spürte ich, wie etwas in mir aufgerissen und gedehnt wurde. Ich weinte, schrie und strampelte, rief nach meiner Mutter. Doch statt Mitgefühl und etwas erklärt wurde mir gesagt, ich solle mich nicht „so anstellen“ – der Junge vor mir habe es schließlich auch ausgehalten.

    Danach wurde ich mit einer Gummihose versorgt, wieder angezogen und im Rollstuhl wieder angeschnallt und zur Röntgenabteilung gebracht. Der Schlauch blieb in meinem Körper. Vor dem Schwesternzimmer wurde jedoch noch einmal angehalten, und ich bekam eine „riesige“ Infusionsflasche in die Hände gedrückt, die ich halten musste. Heute vermute ich, dass es eine 500-ml-Flasche war.

    Im Röntgenraum wurde ich vollständig entkleidet und auf einen Tisch gelegt. Mein Intimbereich war für alle Anwesenden sichtbar und wurde immer wieder während der Zeit der Füllung berührt und positioniert.
    Für mich als fünfeinhalbjähriges Kind war das zutiefst beschämend. Ich hatte keinerlei Möglichkeit, darüber zu bestimmen, was mit meinem Körper geschah.

    Die Flüssigkeit, die durch den Schlauch in meine Blase geleitet wurde, verstärkte die Schmerzen. Ich weinte, doch wieder wurde mir gesagt, ich solle mich nicht so anstellen. Doch der Schmerz war real. Und er war unerträglich.

    Ich wusste nicht, wie lange das noch dauern würde.
    Ich wusste nicht, was die Menschen mit mir machten.
    Und vor allem: Ich konnte nichts dagegen tun.

    Die Untersuchung zog sich in die Länge, und in meiner Erinnerung war es eine Ewigkeit. Am Ende wurde die Flüssigkeitszufuhr gestoppt, doch der Schlauch blieb noch stundenlang in meinem Körper. Erst am Abend wurde er entfernt.

    Diese Erfahrungen haben mich bis heute tief geprägt. Die VMCU war für mich kein medizinischer Eingriff, sondern ein Trauma, das mein Vertrauen in meinen eigenen Körper und in die Menschen um mich herum nachhaltig erschüttert hat.


    Die zweite VMCU – Ein Tag des Aufgebens

    Am nächsten Tag kam kurz nach dem Mittagessen eine Ärztin allein in mein Krankenzimmer, in dem auch andere Jungen lagen. Sie hatte diese Spray-Dose und die Verpackung mit dem Schlauch dabei. Sofort wusste ich, was passieren würde.

    Schon wieder.
    „Nein, nicht wieder. Ich will das nicht!“

    Anders als am ersten Tag blieb ich diesmal im gemeinsamen Krankenzimmer. Die Ärztin bereitete alles vor, schnitt den Infusionsschlauch ab, zog mir meien Kleidung aus und begann die Untersuchung. Ich wehrte mich nicht. Ich lag einfach da und ließ es geschehen. Irgendwo in mir hatte ich bereits verstanden, dass Widerstand nichts ändern würde. Der Geruch des Sprays, das sie verwendete, prägte sich für immer in mein Gedächtnis ein.

    Der Schlauch wurde eingeführt, wieder ohne Betäubung. Ich wusste, was kommen würde – ich wusste, dass es weh tun würde. Doch diesmal war der Schmerz anders. An einer bestimmten Stelle veränderte er sich auf eine Weise, die ich nicht einordnen konnte. Später fragt ich mich, ob es der Blasenschließmuskel war, den ich so deutlich spürte.

    Ich lag fast bewegungslos da, als wäre ich weit weg. Ich sah mich selbst von oben, sah die Ärztin und was mit meinem Körper geschah.
    Ich weinte, aber es war ein stummes Schreien, ein Schreien nach innen.
    Die anderen Jungen im Zimmer beobachteten alles. Dann kam eine Krankenschwester mit einer Gummihose, die unter mich geschoben und um mich gelegt wurde. Ich lag nur noch mit dieser Hose bekleidet da, für alle sichtbar. Die Scham war unerträglich. Ich fühlte mich wie ein Baby, das man vor allen entblößte.

    Ich musste etwa zwei Stunden mit dem Schlauch im Körper so im Bett liegen, bevor es weiterging. Wieder kam der Rollstuhl, wieder die große Infusionsflasche am Schwesternzimmer – diesmal mit trübe aussehender Flüssigkeit. Wieder der lange Flur, der Aufzug, der Weg zur Röntgenabteilung.

    Im Röntgenraum lag ich auf demselben Tisch, doch diesmal fühlte sich die Kunststoffauflage warm und leicht feucht an. Das Prozedere wiederholte sich: Ich wurde entkleidet, mein Körper für die Untersuchung positioniert, und langsam lief die Flüssigkeit in meine Blase. Diesmal spürte ich eine seltsame Wärme im Bauch, ein Ziehen und leichtes Brennen. Auf dem Monitor sah ich wieder diesen dunklen Bereich – vielleicht meine Blase. Für mich war es einfach ein großes schwarzes Loch. Und doch war ich fasziniert.

    Mit zunehmender Füllung wurde der Druck stärker, dann begann es zu schmerzen. Ich rief nach jemandem.

    Niemand kam.
    Ich rief lauter.
    Niemand hörte.

    Die Flüssigkeit lief weiter. Ich begann, mich zu bewegen und zu schreien. Plötzlich rutschte der Schlauch heraus. In meiner Angst führte ich ihn selbst wieder ein. Der Schmerz war anders diesmal. Wieder rief ich. Wieder kam erst niemand. Irgendwann erschien eine Krankenschwester, stoppte die Flüssigkeit und ging – ohne ein Wort.

    Ich dachte, es sei vorbei. Doch der Druck in meinem Bauch blieb. Später kam eine Ärztin mit einem dickeren, roten Gummischlauch. Auf dem Röntgentisch wurde ich festgeschnallt – Arme, Beine, Oberkörper. Der Schlauch wurde eingeführt, und wieder brannte es.

    Ich schrie, es fühlte sich an, als würde mein Schreien bis in den Wartebereich hallen.
    Ich wollte mich wehren, doch ich konnte nicht.

    Irgendwo in mir spürte ich, wie etwas gedehnt wurde – vielleicht der Blasenschließmuskel. Wieder wurde ich berührt, wieder angefasst.
    Ich flehte sie an, aufzuhören. Doch niemand reagierte.

    Die Schmerzen wurden immer stärker. Ich schrie. Dann veränderte sich plötzlich etwas.

    Der Schmerz war weg.

    Auch die Wärme war weg.

    Ich sah noch die große Ausbuchtung an meinem Bauch. Die Blase musste riesig geworden sein. Auf dem Monitor war ein viel größerer Bereich zu sehen als am Tag zuvor.

    Aber ich spürte nichts mehr.

    Ich war weg.

    Später erinnere ich mich nur noch an die fast leere Infusionsflasche. Wie viel Flüssigkeit tatsächlich in meine Blase gelaufen war, weiß ich nicht. Ich hatte das Gefühl, es müsse eine riesige Menge gewesen sein. Ich schätze, dass es zwischen 400 und 450 ml gewesen sein könnten.

    Doch eines war klar:
    Diese Untersuchung war für mich kein medizinischer Eingriff. Sie war ein Trauma.


    Die wiederkehrenden Untersuchungen – Ein Leben lang geprägt

    Doch die Erfahrungen endeten nicht mit diesen beiden Tagen. Mit sieben Jahren unterzog man mich während eines weiteren Krankenhausaufenthalts – ich glaube, zur Polypenentfernung – einer MCU mit Blasendruckmessung. Auch diese Untersuchung wurde ohne Betäubung durchgeführt, nur mit Gleitspray. Wieder schmerzhaft, mit Berührungen und Eingriffen, die ich nicht wollte. Wieder ein Trauma. Doch von dieser Erinnerung weiß ich nur aus Erzählungen – mein Geist hat sie verdrängt. Selbst meine Mutter wollte nicht darüber sprechen.

    Mit etwa 13 und 15 Jahren folgten weitere VMCUs. Ich bekam innerliche Unruhe und wollte nur weg. Doch das machte es nicht weniger verstörend. Als Junge in der Pubertät war es unerträglich, von anderen im Intimbereich angefasst zu werden und dann auf dem Röntgentisch urinieren zu müssen, während Ärztinnen zusahen. Ich konnte nicht. Die Scham und das Gefühl der Bloßstellung brannten tiefer als jeder körperliche Schmerz. Diesmal spürte ich beim Einführen des Schlauchs nichts mehr – meine Harnröhre und der Blasenbereich waren einfach gefühllos, wie bei allen weiteren MCUs später auch. Auch hier gab es keine Betäubung, nur Gleitmittel.

    Irgendwann mit 30 Jahren muss es noch eine gegeben haben – doch auch diese Erinnerung fehlt mir. Vielleicht war es zu viel..

    Erst mit etwa 50 und 53 Jahren kamen die letzten beiden Untersuchungen. Die vorletzte war schon belastend, doch die letzte lief völlig aus dem Ruder. Schon als ich den Raum betrat, überkam mich die Panik. Dann hörte ich irgendwo ein Schreien – und das war der Moment, in dem etwas in mir brach. Die Untersuchung wurde trotzdem durchgeführt, doch die Ergebnisse waren wertlos. Mein Blutdruck schoss in die Höhe. Ich entließ mich auf eigene Verantwortung.

    Ich musste einfach raus. Ich konnte nicht mehr.


    Warum diese Erfahrungen für mich traumatisch waren

    Heute kann ich nachvollziehen, dass die Untersuchung medizinisch notwendig gewesen sein mag. Doch das ändert nichts daran, wie ich sie als Kind erlebt habe:

    Für mich war es ein Trauma.

    Es entstand aus dem Zusammenspiel von unerträglichem Schmerz, existenzielle Angst, dem vollständigen Kontrollverlust über meinen Körper und der Tatsache, dass meine Verzweiflung nicht ernst genommen wurde. Als Kind konnte ich den Widerspruch nicht auflösen: Mein Körper schrie vor Schmerz, während die Erwachsenen mir sagten, ich solle mich nicht so anstellen. Mein Körper behielt recht – und die Erinnerung daran blieb.

    Ich erinnere mich noch genau an das brennende Gefühl, als der Schlauch eingeführt wurde, an das Dehnen in meinem Inneren, an das lange Liegen mit diesem Fremdkörper in mir, an die Blicke und Berührungen. An das Gefühl, dass niemand verstehen wollte, wie sehr es wehtat. Bis heute können bestimmte Erinnerungen, Gerüche oder Farben starke Reaktionen in mir auslösen.

    Am ersten Tag war ich vor allem verwirrt und verängstigt. Am zweiten Tag wusste ich genau, was kommen würde – und das machte es nicht besser, sondern nur noch auswegloser. Ein Blick auf die Dose und die Verpackung des Schlauchs genügte:

    „Oh nein, nicht wieder.“

    Ich wusste, dass es wehtun würde. Ich wusste, dass ich nichts dagegen tun konnte. Dass ich mich nicht mehr wehrte, hieß nicht, dass ich einverstanden war. Ich hatte nur gelernt, dass Widerstand zwecklos war.

    Für ein fünfeinhalbjähriges Kind war es eine endlose Abfolge von Situationen, in denen andere über meinen Körper bestimmten – und ich keinen Weg fand, es zu beenden.

    Es tat weh. Und es hörte nicht auf. Und niemand hörte auf mich.

    Diese ersten Erfahrungen blieben, ein Leben lang.